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Filmkritik
Man sieht auf das Meer. Die Grenze zwischen dem Wasser und dem dicht über ihm wabernden Nebel verschwimmt. Ein kleines Segelboot durchfährt das Grau und steuert die Küste an. An Bord: der Protagonist von „Der Heimatlose“, Hein (Paul Boche). „Was führt dich bloß an diesen gottverlassenen Ort?“, fragt der Fährmann. „Das ist meine Heimat“, entgegnet Hein. „Die kann man sich nicht aussuchen.“ So entrückt und parabelhaft wie der Auftakt ist der ganze Film.
Nach vierzehn Jahren als Lehrer auf dem Festland kehrt Hein auf die namenlose Nordseeinsel zurück, auf der er aufgewachsen ist. Doch herzlich empfangen wird der Mann mit den großen blauen Augen und den markanten Wangenknochen dort nicht. Niemand aus dem Fischerdorf erkennt ihn. Heins Schwester Heide (Stephanie Amarell) war bei der Abreise ihres Bruders zu jung, um sich zu erinnern; seine Mutter ist inzwischen dement. Auch sein Kindheitsfreund Friedemann (Philip Froissant) und seine Jugendliebe Greta (Emilia Schüle) bestätigen Heins Identität nicht. In der eingeschworenen, Fremden gegenüber schroff abweisenden Dorfgemeinschaft steht der Rückkehrer unter Generalverdacht. Auf Geheiß der Dorfvorsteherin Gertrud (Julika Jenkins) soll er die Zweifel an seiner Identität in einem Prozess ausräumen. Dafür wird eigens ein Dorfgericht einberufen, in dem Heins Erinnerungen im Verlauf von drei Verhandlungstagen auf dem Prüfstand stehen.
Hütten ohne Dächer und Seitenwände
Nach sieben Kurzfilmen entwickelte der Filmemacher Kai Stänicke für sein Langfilmdebüt „Der Heimatlose“ ein eigenwilliges Szenario. Von Anfang an liegt ein Hauch Kafka in der Luft. Hinzu kommt eine offenkundige Referenz an „Dogville“ von Lars von Trier. Das Dorf präsentiert sich als Kulisse mit halb fertigen Hütten ohne Dächer und ohne alle Seitenwände. Entstanden ist die Idee aufgrund von Budgetknappheit. Dennoch fügt sich der Verfremdungseffekt bruchlos in den universellen Charakter der Erzählung, die ihr Identitätsthema auf abstrakte Weise verhandelt. Dazu passt auch die Unklarheit über den genauen Ort und die Zeit der Handlung. Die kann anhand der Kostüme und der Ausstattung mit Fischernetzen und Öllampen auf die Jahrhundertwende um 1900 herum geschätzt werden. Zusätzlich trägt das bewusst theaterhafte und altertümliche Sprachbild der Figuren zur Abstraktion bei, wenn etwas „vorzüglich schmeckt“ oder einer „Schelte bekommt“.
Man kann „Der Heimatlose“ als absurde Komödie auffassen. Auch als Psychogramm einer weltabgewandten Gemeinde, als Parabel auf Entfremdung und Zugehörigkeit und als Auseinandersetzung mit falschen, verzerrten oder selektiven Erinnerungen. Im Gerichtsprozess erinnert sich Hein an Ereignisse wie die Beisetzung seines Vaters grundlegend anders als die Zeuginnen und Zeugen. Aber beweist das, dass Hein nicht Hein ist? Die Frage türmt sich zu universellen Überlegungen zum Thema Identität und ihrer Konstruktion auf. Auch das Publikum kann nicht wissen, was in Hein vorgeht. Er scheint zu glauben, Hein zu sein – ein Beweis ist auch das nicht. Die Skepsis der Dorfbewohner wächst jedenfalls mit jeder Ungereimtheit bei den Erinnerungen und schlägt bald in offene Ablehnung um.
Sanfter als die rauen Inselmänner
In seiner ersten Hauptrolle brilliert Paul Boche. Der von ihm sehr präzise gespielte Hein wirkt von Anfang an wie ein Sonderling, der sanfter ist als die rauen Inselmänner. Ein sichtbares Zeichen dafür ist ein markantes Detail: Während alle Männer im Ort urige Bärte tragen, ist Hein rasiert. Auch wenn er von der Insel stammt, passt er hier nicht (mehr) hin. Und so schaut er wie ein Außenstehender auf seine Kindheitserinnerungen, die sich ganz organisch in den Bilderfluss einfügen, ohne Schnitte oder andere Rückblendenmarker.
Die oft aus der Hand geführte Kamera von Florian Mag folgt Hein auf Schritt und Tritt und lotet zugleich das karge Leben in der Inselgemeinschaft aus – das Ausnehmen der Fische, den Doppelkorn in der Schenke und das Kartenspiel „Lüge“, das Hein als Junge gut beherrschte und das im Film leitmotivisch vorkommt. Immer wieder zeigt die Kamera das Geschehen auch aus formal strengen Draufsichten, bei denen die halb aufgebauten Kulissen oder verästelte Pfade zur Geltung kommen. Auch durch die Entscheidung, weitgehend auf Musik zu verzichten und dafür die natürlichen Geräusche zu betonen, avanciert die Insel zu einer eigenen Protagonistin. Die Möwen, das Meer, der omnipräsente Wind, der bewölkte Himmel und an einer entscheidenden Stelle ein Gewitter prägen die Tonspur und das Filmerlebnis.
Ein besonderes Kinodebüt
Am Ende steuert die Inszenierung auf eine ironische Auflösung zu, die sich zuvor bereits angekündigt hat und die dem Geschehen ein Stück Allgemeingültigkeit und letztlich einen Teil der Faszination raubt. Ästhetisch spiegelt sich das in einer aufgeklarten Version der ersten Einstellung wider. Den überwältigenden Gesamteindruck trübt der verzichtbare Schlusspunkt jedoch kaum. „Der Heimatlose“ ist ein besonderes Kinodebüt.



