Vorstellungen
Filmkritik
In der Hitze der südfranzösischen Sonne ist die Arbeit auf der Baustelle schwer zu ertragen. Der 16-jährige Enzo (Eloy Pohu) macht sich als Maurerlehrling das Leben zusätzlich schwer, indem er sich weigert, Handschuhe zu benutzen. So trägt er Blasen an den Handflächen davon, was vor allem seinem Vater missfällt. Enzo lebt bei seinen akademisch gebildeten Eltern in einer Villa mit Swimming Pool und Blick aufs Mittelmeer an der idyllischen Côte d’Azur. Während sein älterer Bruder für das Abitur büffelt, hat Enzo sich vom Schulleben verabschiedet. Er wolle körperlich arbeiten, beteuert er. Doch sein Vater Paolo (Pierfrancesco Favino) sähe es lieber, dass er seinen Schulabschluss macht und auf die Kunsthochschule geht, denn Enzo zeichnet gut.
Während der Teenager mit sich selbst unzufrieden ist, sind andere es mit ihm auch. Auf der Baustelle sei er zu langsam, findet sein Chef. Ihm fehle die richtige Einstellung, ihm sei alles egal. Als er sich bei Enzos Eltern in deren Haus über seinen Lehrling beschweren will, stellt er mit Erstaunen fest, wie privilegiert Enzo aufwächst. Bald spricht sich auf der Baustelle herum, dass Enzos Eltern reich sind. Doch die Kollegen akzeptieren es. Alle sind älter als Enzo und bringen viel mehr Erfahrung in der Arbeit mit. Die beiden ukrainischen Maurer Vlad (Maksym Slivinskyi) und Miroslav (Vladyslav Holyk) nehmen den Teenager unter ihre Fittiche. Vor allem der gutaussehende Vlad kümmert sich um ihn. Während Enzos Annäherungsversuch an ein Mädchen, das er auf einer Party zu Hause kennengelernt hat, scheitert, fühlt er sich immer mehr zu Vlad hingezogen.
Er rebelliert immer wieder demonstrativ
In dem sehr männlichen Ambiente der Bauarbeiter, wo man sich Fotos von „heißen“ Frauen auf dem Handy zeigt und mit echten oder bevorstehenden Eroberungen prahlt, hat der junge Enzo nicht viel vorzuweisen. Doch er tut so, als ob auch er ein reges Sexualleben habe, weil es von ihm verlangt wird. So sucht Enzo überall Anschluss, findet ihn aber nirgendwo richtig. In der Familie akzeptiert man seinen Arbeiterberuf nicht, aber auch bei den Bauarbeitern fühlt er sich nicht heimisch. Er rebelliert immer wieder demonstrativ und eckt dabei vor allem bei seinem Vater an, der sich Sorgen um seinen jüngeren Sohn macht.
Zum Glück schlägt der Coming-of-Age-Film „Enzo“, den Robin Campillo anstelle des vor den Dreharbeiten verstorbenen Laurent Cantet inszeniert hat, nie überdramatische Volten aus seinem Stoff. Zwar sorgt ein Revolver kurzzeitig für Aufregung, doch er kommt nicht zum Einsatz. Der Film ist eher kontemplativ und versetzt sich in das komplizierte Gefühlsleben seines jungen Helden. Wie in vielen Filmen von Laurent Cantet, dessen Handschrift Campillo erfolgreich übernimmt, beobachtet er sehr genau die Arbeitswelt seines Protagonisten. Auf dem Bau wird geschuftet, und ganz ungefährlich ist es dort auch nicht. Beim Bau eines Hauses kommt es zudem auf Präzision an. Wenn eine Mauer schief gebaut wird, muss sie eingerissen werden. Das passiert einmal und deutet die Neuorientierung in Enzos Begehren an.
Zum einen sieht er in Vlad einen großen Bruder, der ihn ernst nimmt und sich um ihn kümmert – im Unterschied zu seinem echten Bruder, zu dem er eine eher oberflächliche Beziehung pflegt. Andererseits löst Vlads gutes Aussehen in ihm ein Verlangen aus, das er bis dahin noch nicht kannte. So oszilliert Enzo zwischen seinen geheimen Wünschen und gesellschaftlich errichteten Mauern: dem Zwang zum Erfolg und den ungeschriebenen Gesetzen in Hetero-Männerwelten. Das überfordert Enzo, der immer wieder kleine Akte des Aufbegehrens inszeniert und seine Isolation damit eher noch verschärft.
Beim Schwimmen kann er abschalten
Freiheit findet er auf seinem Moped, mit dem er von seinen Eltern unabhängig ist. Auch beim Schwimmen im heimischen Pool und am Meer kann er abschalten. So vermittelt der Film die Hitze an der französischen Côte d’Azur, die Badevergnügungen am See oder nächtliches Verharren am Meer ermöglicht. Andererseits ist sie auch erdrückend und steht für Enzos unerwidertes Verlangen, das im wahrsten Sinne des Wortes Abkühlung verlangt.
Der Film schildert nachvollziehbar die Suche seines jungen Protagonisten nach Erfüllung, zeichnet ihn aber trotz seines regelmäßigen Scheiterns als resilient. Er gibt nicht auf, kann Grenzen aber akzeptieren, auch wenn ihm Abweisung verständlicherweise zu schaffen macht. Auf Enzos Privilegien, die ihm selbst offenbar nicht bewusst sind, macht ihn auch Vlad aufmerksam. Wenigstens sorge sich sein Vater um ihn, gibt er dem Jüngeren zu bedenken. Er selbst habe keine schöne Kindheit gehabt. So fungiert Vlad zwar als erfahrener Freund, aber auch als Fremder, der Enzos Aufmerksamkeit auf sehr viel dramatischere Lebensumstände lenkt.
Dinge im Leben, die noch existenzieller sind
Der Ukraine-Krieg wird durch Vlad und Miroslav wie selbstverständlich im Film thematisiert und schürt Zwietracht zwischen den beiden Maurern. Der eine will kämpfen, der andere nicht, und beide Motivationen sind schlüssig. Der weit entfernte, durch Vlad aber akut in Enzos Bewusstsein getragene Krieg eröffnet bei dem Jugendlichen einen zusätzlichen Erkenntnisprozess. Er lernt, dass die von ihm besonders intensiv erlebten Wirren des Gefühlslebens zwar schwer zu verarbeiten sind. Doch offenbar gibt es Dinge im Leben, die noch existenzieller sind – und das hilft ihm, mit seinem eigenen Kummer besser umzugehen.



