Vorstellungen
Filmkritik
Als der renommierte Theaterschauspieler Hanjiro Hanai (Ken Watanabe) die Neujahrsfeier einer Yakuza-Familie besucht, kommt es zu zwei schicksalshaften Ereignissen. Im Rahmen einer Bühnenaufführung tritt der Sohn des Gangsterbosses als junge Frau auf. Das japanische Kabuki-Theater zeichnet sich durch stark geschminkte Gesichter, farbenprächtige Kostüme, perkussive und für westliche Ohren ungewöhnlich modern klingende Musik sowie ein stilisiertes, von tänzerischen Bewegungen begleitetes Schauspiel aus. Aus moralischen Gründen durften ab dem 17. Jahrhundert keine Frauen mehr auf der Bühne stehen. An ihre Stelle traten „Onnagatas“: männliche Schauspieler, die teilweise auch heute noch den weiblichen Part übernehmen.
Ein harter, steiniger Weg
Der jugendliche Kikuo (Ryô Yoshizawa) ist in diesem Rollenfach so überzeugend und anmutig, dass Hanjiro wie elektrisiert von ihm ist. Kurz darauf aber stürmt eine verfeindete Gang die Feier und tötet die meisten der Anwesenden. Den Mord an seinem Vater muss der Junge durch ein Fenster mitansehen, wodurch das blutige Geschehen wie eine weitere Bühnenaufführung wirkt. Was Leben und Theater voneinander trennt, was sie verbindet und wie sie sich jeweils im jeweils anderen spiegeln, davon erzählt das ein halbes Jahrhundert umspannende Epos von Lee Sang-il über den harten, steinigen Weg, den Kikuo zurücklegen muss, um künstlerische Exzellenz zu erlangen.
Der verwaiste Kikuo kommt als Schüler und Adoptivsohn bei Hanjiro unter. Mit Shunsuke (Ryûsei Yokohama), dem gleichaltrigen Sohn seines Meisters, bekommt er einen Freund, aber auch einen Konkurrenten an die Seite gestellt. Die Proben sind hart und überschreiten bisweilen die Grenze zum körperlichen Missbrauch. Doch die Qualen lohnen sich: Die Jungen werden zum umjubelten Onnagata-Duo.
Beide Nachwuchsschauspieler haben dabei auch mit einem anderen Dilemma zu kämpfen. Die Schauspieler-Hierarchie im Kabuki hängt eng mit etablierten Familiendynastien zusammen. Während sich der auf sich allein gestellte Kikuo alles selbst erarbeiten muss und von seinem grenzenlosen Ehrgeiz zerfressen zu werden droht, hat Shunsuke, der Kikuo technisch unterlegen ist, den Vorteil, dass ihm der Erfolg mitvererbt wird. Zumindest in der Theorie, denn die Blutsverwandtschaft zu dem angesehenen Hanjiro ist zwar für die Öffentlichkeit entscheidend, nicht jedoch für den Meister selbst. Nur Fleiß und vollende Kunst zählen für ihn, weshalb er sich in einem folgenreichen Moment gegen seinen eigenen Sohn entscheidet.
Mit eiserner Disziplin
„Kokuho“ fußt auf dem gleichnamigen Roman von Shuichi Yoshida, was übersetzt so viel wie „nationales Kulturgut“ bedeutet. Der Film fängt bildgewaltig den rituellen, stets perfekt durchgeplanten Charakter der Aufführungen ein. Obwohl Kikuo und Shunsuke im Privatleben hitzköpfige Machos mit einer Schwäche für Sake sind, bestechen sie auf der Bühne mit eiserner Disziplin. Bereits die zeremonielle Vorbereitung der Schauspieler, bei der sie behutsam geschminkt und eingekleidet werden, deutet die anstehende Verwandlung an. Nicht nur die weiblichen, sondern auch die männlichen Figuren rezitieren auf der Bühne in einer Tonlage und mit einer Konzentration, die weit entfernt vom Alltag ist. Der Sprechrhythmus ist ausgefeilt, es wird gegurrt und gejauchzt, die Tonleiter virtuos hoch und wieder runtergewandert und Vokale im dramatisch entscheidenden Moment langgezogen.
Bei dieser bis ins kleinste Detail kontrollierten Darbietung muss jede Silbe exakt betont werden. Trotz dieser offensiven Künstlichkeit dreht sich der Film auch immer wieder um die Herausforderung der Schauspieler, die Gefühle der Figuren angemessen zu verkörpern. Als Kikuo in die großen Fußstapfen von Hanjiro tritt, muss er vor seinem wütenden Meister immer wieder denselben Text wiederholen, bis er die Verzweiflung seiner dem Tode geweihten Hauptfigur schließlich glaubhaft vermitteln kann. Nicht nur in solchen Momenten treibt „Kokuho“ die Schauspieler zu beeindruckenden Höchstleistungen an. Besonders die Darbietung von Ryô Yoshizawa prägt sich ein. Mal lässt ihn Kikuos Entschlossenheit kalt und berechnend wirken, mal legt sich durch den ständigen Erfolgsdruck eine tiefe Traurigkeit über ihn. Auf der Bühne brilliert er ohnehin mit einer einnehmenden Präsenz, die nicht nur einen ihm verfallenen Industriellen regelmäßig in Staunen versetzt.
Leben & Kunst verwischen
Jahre und Jahrzehnte gehen vorüber, während Kikuo nach dem Tod seines Lehrmeisters ganz unten landet und sich mühsam wieder aufrappeln muss. Die ausgewählten Stücke und Szenen der Bühnenwerke korrespondieren durchgehend mit der Handlung des Films. Anfangs eher lose, bis sich die Grenzen zwischen Leben und Kunst zunehmend verwischen. Irgendwann geht es für Kikuo nicht mehr darum, eine Figur zu verkörpern, die von der eigenen Lebensrealität denkbar weit entfernt ist, sondern darum, mithilfe der eigenen Erfahrung den Dramentext regelrecht zu durchleben.
Zum Höhepunkt wird eine Aufführung eines bekannten Stücks von Chikamatsu Monzaemon über zwei unglücklich Verliebte, die sich aus Verzweiflung gemeinsam das Leben nehmen. Jedes Wort, das sich Kikuo und der durch seine Diabeteserkrankung kaum noch stehen könnende Shunsuke zuflüstern, bezieht sich auf die desolate Wirklichkeit.
Doch so effektiv „Kokuho“ in einzelnen Szenen auch ist, geht ihm auf Dauer doch immer wieder die Luft aus. Es ist kein Zufall, dass auf der Bühne leibhaftig Blut gespuckt und gestorben wird. Die persönlichen Konflikte treten zunehmend in den Hintergrund, um Raum für die These zu öffnen, dass man für wahre Kunst leiden muss. Der Film walzt diesen Gedanken gegen Ende mit getragenem Pathos und donnernder Geigenmusik aus. Doch trotz dieses enttäuschenden Ausklangs und manch dramaturgischer Redundanz ist „Kokuho“ ein fantastisch gespielter und oft mitreißend inszenierter Film, der die Faszination des Kabuki eindringlich vermittelt.










