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Skunk

105 minDrama
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Blut strömt über Liams Gesicht, als ihn die Polizei seinen aggressiven Eltern entreißt. Doch auch in der Jugendeinrichtung ist er nicht sicher vor Misshandlung. Angehende Psychopathen wie Momo oder Johan, die davon träumen, Katzenjungen anzuzünden, haben es auf ihn abgesehen. Doch Liam ist bereit. Gewalt kennt er zur Genüge, auch aus den Splatterfilmen, mit denen er als Kind eingesperrt im Keller saß, während die Erwachsenen oben ihre perversen Sexpartys feierten. 2007 hat euch EX DRUMMER traumatisiert. Und so begeistert, dass ihr den abgefuckten Assi-Punk-Brocken mit dem FRESH BLOOD AWARD geehrt habt! Auch bei SKUNK versinkt Koen Mortier ganz tief in menschlichen Abgründen – und taucht nicht wieder auf. Thibaud Dooms‘ Schauspielleistung ist schwer verstörend: In Liams Blick eingebrannt ist all die unbewältigte Qual einer zerstörten Kindheit, seine rücksichtslosen Ausraster gleichen einer Urgewalt. SKUNK macht euch fertig.

Blutverkrustet, fast nackt und zutiefst verstört kommt der 17-jährige Liam (Thibaud Dooms) in einem betreuten Wohnheim für Jugendliche an. Zuvor hat ihn die Polizei aus seinem Elternhaus eskortiert, einer dunklen, schmutzigen Betonhöhle. Vater und Mutter sind vulgär, drogenabhängig und gewalttätig. Statt ihrem Sohn Zuneigung zu geben, verprügeln und erniedrigen sie ihn. Das alles scheint jetzt hinter Liam zu liegen. Doch „Skunk“ von dem belgischen Regisseur Koen Mortier beginnt nur mit einer vermeintlichen Rettung aus dem Elend.

Auf den ersten Blick wirkt das Wohnheim behaglich und aufgeräumt. Die Sozialarbeiterin Pauline (Natali Broods) und ihre beiden Kollegen kochen mit den Jungen, lassen sie fernsehen oder reiten und machen mit ihnen Ausflüge in die Natur. Hierarchische Strukturen haben sich unter den Insassen dennoch längst festgesetzt. Vor allem der tyrannische Momo (Soufian Farih) lässt sich von seinen Mitbewohnern bedienen und malträtiert sie, wenn sie sich seinen Befehlen widersetzen. Besonders Liam gerät mit ihm aneinander.

Unvermittelte Gewaltausbrüche

„Skunk“, was auf Englisch „Stinktier“ oder umgangssprachlich auch „Saukerl“ bedeutet, ist nicht an der Rettung dieser verlorenen Seelen interessiert, sondern widmet sich den vergeblichen Versuchen, kindliche Traumata und festgefahrene destruktive Verhaltensmuster zu überwinden. Als der geistig behinderte Johan (Flo Pauwels) Liam einmal sein niedliches Kätzchen zeigt, bricht dieser dem Tier unerwartet das Genick. Der Film setzt immer wieder auf solche unvermittelte Gewaltausbrüche und Grenzüberschreitungen. Die Jungen sind durch ihre desolaten Lebensumstände emotional so verwahrlost, dass sie nicht mehr integrierbar sind. Die Brutalität, die Liam in seinem Elternhaus erfuhr, hat sich wie ein unheilbarer Virus in ihm festgefressen.

Wiederholt eskaliert die Lage im Jugendheim und schlägt in rohe Gewalt um. Die wohlmeinenden Betreuer stehen diesen Situationen oft nur hilflos gegenüber. Pauline führt regelmäßig mit Liam therapeutische Gespräche, die in Rückblenden das ganze Ausmaß des Missbrauchs an dem Jungen offenlegen. Die Pädagogin ist aufrichtig am Liams Heil interessiert, aber Hilflosigkeit und Erschöpfung stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Eine zurückliegende Trennung und ein anstehender Umzug sind die einzigen privaten Dinge, die man während eines gestressten Telefonats von ihr erfährt.

Ein weiterer schmerzhafter Rückschlag

„Skunk“ ist ein bewusst hässlicher und pessimistischer Film. Immer, wenn man glaubt, Liam könnte endlich auf den richtigen Weg geraten sein, folgt ein weiterer schmerzhafter Rückschlag. Oft dreht sich die Handlung dabei mehr im Kreis, als dass sie sich weiterentwickelt. Der Film konzentriert sich auf Liams Beziehung zu Pauline, seine Feindschaft mit Momo und seinen Vorsatz, ein geregeltes Leben zu führen. Doch jeder dieser Erzählstränge bleibt bruchstückhaft. Die Arbeit mit den Jugendlichen scheint zwar für kurze Zeit immer wieder Wirkung zu zeigen, doch letztlich erweist sie sich als sinnlos.

Mortiers Stärke besteht darin, die psychische Zerrissenheit und emotionale Überforderung der jungen Protagonisten als raue, zerstörerische und schier unkontrollierbare Kraft zu inszenieren. Die Jungen haben eine Chance, weil sie in einem vergifteten Umfeld leben. Die grobkörnigen, auf analogem 16mm-Material gedrehten Bilder wirken kalt und dreckig, die Innenräume sind kahl und unpersönlich, der Himmel konsequent bewölkt.

Wie wilde Tiere

„Skunk“ macht es sich in seiner Hoffnungslosigkeit aber etwas zu bequem. Indem er den Status quo weder hinterfragen noch verändern will, muss er sich gar nicht erst Gedanken machen, wie man Liams Leiden lindern könnte. Die provokativen Regieeinfälle wirken oft etwas plump und zielen auf den bloßen Effekt ab, statt sich um ein schlüssiges erzählerisches Ganzes zu bemühen. Ein besonderer Schwachpunkt sind Liams Eltern, die wie wilde Tiere porträtiert werden und ein primitives Leben zwischen billigen Drogen, Prostitution, dumpfer Techno-Musik und Gewalt führen. Die darstellerischen Darbietungen der beiden sind so hoffnungslos dick aufgetragen, dass sie nicht nur ins Groteske, sondern teilweise auch ins Komische kippen.

Ansonsten sind die schauspielerischen Leistungen sehr überzeugend. Besonders Hauptdarsteller Thibaud Dooms zeigt eindrucksvoll, wie sich die Härte von Liams Biografie in seinen Körper eingeschrieben hat. Mal schleicht er abwesend murmelnd und mit gebücktem Haupt durch seinen Alltag, mal prügelt er blind auf jeden ein, der ihm in die Quere kommt. Mit seinem verstörend starren Blick vermittelt er, wie sich ein Leben ohne jegliche Freude und Liebe anfühlt. Diese Gnadenlosigkeit zeichnet „Skunk“ zwar aus, aber sie verflacht das Sujet bisweilen auch. Mehr Entwicklung bei der Handlung sowie weniger Miserabilismus und Lust an der Provokation hätten dem Film gutgetan.

Veröffentlicht auf filmdienst.deSkunkVon: Michael Kienzl (30.3.2026)
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