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The History of Sound

128 minDrama, Musik, LovestoryFSK 6
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Im Jahr 1917 verschlägt es den zurückhaltenden und talentierten Musikstudenten Lionel (Paul Mescal) vom ländlichen Kentucky an die Ostküste, wo er am Boston Conservatory seinen charmanten und selbstbewussten Kommilitonen David (Josh O’Connor) kennenlernt. Über ihre gemeinsame, tief empfundene Liebe zu traditioneller Folk-Musik kommen sich die beiden näher, doch dann wird David als Soldat eingezogen. Einige Jahre später erreicht Lionel ein Brief, in dem David seinen Freund bittet, ihn auf einer Reise durch die Wälder von Maine zu begleiten. Die beiden Männer teilen nicht nur Momente inniger Zweisamkeit, sondern entdecken in ländlichen Gemeinden auch fast in Vergessenheit geratene Folk-Musik. Das sehnlich erwartete Wiedersehen, ihre leidenschaftliche Liebesgeschichte und die von ihnen gesammelte und bewahrte Musik werden den Verlauf von Lionels Leben für immer prägen.
Für THE HISTORY OF SOUND konnte Regisseur Oliver Hermanus, der unter anderem für seinen Film Moffie von der Kritik gefeiert und für Living – Einmal wirklich leben für den BAFTA nominiert wurde, zwei der begehrtesten jungen Schauspieler unserer Zeit gewinnen. Der Oscar®-nominierte Paul Mescal (Aftersun, All Of Us Strangers) und Emmy- und Golden-Globe-Gewinner Josh O’Connor (The Crown, Challengers) brillieren in dieser zarten, berührenden Liebesgeschichte voller Musik und Melancholie, für die Drehbuchautor Ben Shattuck seine eigene Kurzgeschichte adaptierte. Für die Bildgestaltung zeichnet Alexander Dynan verantwortlich, der mit Hermanus schon bei der Serie Mary & George zusammenarbeitete. Seine Weltpremiere feierte THE HISTORY OF SOUND im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes, wo der Film mit minutenlangen stehenden Ovationen gefeiert wurde.
  • Veröffentlichung09.04.2026
  • Oliver Hermanus
  • Vereinigte Staaten (2026)
  • 6.9/10 (6187) Stimmen

Zum ersten Mal begegnen sich die Musikstudenten Lionel (Paul Mescal) und David (Josh O’Connor) in einem Pub. Bezeichnenderweise beginnt ihre Bekanntschaft nicht mit einem Blickwechsel, sondern mit einer Melodie, die David leise auf dem Klavier interpretiert. Lionel wird darauf aufmerksam, weil er das Lied von seinem Vater kennt, der es einst auf der Familienveranda in Kentucky spielte. Die augenblickliche Sympathie zwischen den beiden Studenten beruht dabei nicht nur auf ihrer Liebe zur Musik, sondern auf einer spezifischen Faszination für die Poesie US-amerikanischer Volkslieder.

Für Lionel hat diese Faszination mit seinem absoluten Gehör zu tun, aber auch mit seiner eigenen Biografie. Aufgewachsen ist er in einer armen, von harter Arbeit gezeichneten Bauernfamilie fernab der Zivilisation. Doch sobald der Vater zur Geige griff, fühlte sich das Leben warm und verheißungsvoll an. Auch als Lionel schließlich Davids Einladung folgt, zu Recherchezwecken durchs Land zu reisen, um die verschiedenen Liedtraditionen auf Wachszylindern zu archivieren, offenbart sich immer wieder, welche Funktion die Musik im Alltag der Landbevölkerung besitzt: Sie thematisiert das eigene Leben mit all seinen Widrigkeiten, transportiert dies aber mit einer zarten Schönheit.

Die Musik und die Liebe

Mehr noch als von der Musik handelt „The History of Sound“ aber von der Liebe. Lionel und David fühlen sich über ihr gemeinsames Interesse hinaus stark voneinander angezogen. Da man das Jahr 1917 schreibt, muss ihre Beziehung geheim bleiben und sie hat keine Hoffnung auf eine Zukunft. Pragmatisch unterhalten sie sich am Lagerfeuer darüber, ob sie einmal Frau und Kinder haben werden, mit dem Wissen, zwangsläufig mit einer solchen Lüge leben zu müssen.

Zweimal werden die Männer voneinander getrennt: Zunächst durch den Ersten Weltkrieg, der David als Soldat schweigsamer und nachdenklicher macht. Und später noch einmal, als die beiden unterschiedliche Berufswege einschlagen und sich endgültig aus den Augen verlieren. Die Traurigkeit und unerfüllte Sehnsucht, die in den Liedern aufscheinen, definiert auch ihre Beziehung. Der Film basiert auf zwei Kurzgeschichten des Schriftstellers Ben Shattuck, der auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat, das bis ins Jahr 1980 führt und eine Brücke zwischen musikalischem und emotionalem Sujet schlägt. Anders als die mündlich überlieferten Melodien, die für die Nachwelt konserviert werden, versucht Lionel seine Erinnerungen an David zu verdrängen. Bis er wieder von ihnen eingeholt wird und sich auf die Suche nach seinem ehemaligen Weggefährten macht.

Durch Länder und Jahreszeiten

Suchend und mit sich selbst ringend folgt „The History of Sound“ der Hauptfigur durch Länder und Jahreszeiten. Niederdrückend wirken die Szenen aus dem winterlich-öden Kentucky, die lediglich von bescheidenen Attraktionen wie einem Lied oder einem brennenden Papierschnipsel erhellt werden, der wie von Zauberhand in die Luft steigt. Lionels spätere Karriere als Chorleiter im sonnendurchfluteten Italien steht in direktem Kontrast dazu. Nicht nur die Musik wird kunstfertiger, auch sein Auftreten ist nun adretter und herrschaftlicher. Doch all die Reisen und Beziehungen mit Männern und Frauen können nicht verhindern, dass ihn die Vergangenheit einholt. Von der ungeliebten Heimat kann er sich ebenso wenig lösen wie von der kurzen Zeit mit David, die vielleicht die glücklichste in seinem Leben war.

„The History of Sound“ hüllt seine Geschichte in anmutige Sinnlichkeit. Neben den durch ihre Einfachheit betörenden, vom Sam Amidon neu arrangierten Volksliedern ertönt auch immer wieder der Soundtrack von Oliver Coates, dessen girlandenartige Geigenklänge einen melancholischen Schleier über den Film legen. Die Inszenierung unter der Regie von Oliver Hermanus ist kunstfertig, aber manchmal auch ein wenig zu geschmackvoll.

Vergänglichkeit und Erinnerung

Schön sind die ursprünglichen Landschaften, die malerisch ausgeleuchteten Bilder und die eleganten historischen Kostüme. Sanft und subtil sind das Spiel von Paul Mescal und Josh O’Connor sowie die durchdacht strukturierte Handlung, die sich um Vergänglichkeit und Erinnerung dreht. Doch gerade die zentrale Liebesgeschichte bleibt ein wenig oberflächlich. Es gibt einige intensive Blicke und einprägsame Dialoge, die Lionel und David austauschen, aber oft schweigen sie nur, bedrückt und doch apart. Für eine Beziehung, die derart tiefe Spuren hinterlässt, bemüht sich der Film zu wenig darum, ihre Leidenschaft und Tiefe zu vermitteln. Hübsch anzusehen ist „The History of Sound“ in jedem Fall, bewegend allerdings nur manchmal und besonders gegen Ende. Die prominent eingesetzten Volkslieder drohen der Liebesgeschichte als Spektakel regelmäßig den Rang abzulaufen.

Veröffentlicht auf filmdienst.deThe History of SoundVon: Michael Kienzl (10.4.2026)
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