Vorstellungen
Filmkritik
An Filmen über deutsche Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime wie die „Die weiße Rose“, „Die Rote Kapelle“ oder die „Edelweißpiraten“ herrscht inzwischen auch aus deutscher Hand kein Mangel mehr. Umso mehr überrascht es, dass immer noch nicht alle Fälle des zivilen Ungehorsams auserzählt sind, und das US-amerikanische Kino Biografien aufgreift, die in Deutschland viel zu lange unter dem Radar geblieben sind. Der Regisseur Matt Whitaker thematisiert in dem Historiendrama „Wahrheit und Verrat“ das Schicksal von Helmuth Hübener, eines 16-jährigen Jungen, der Anfang der 1940er-Jahre in Hamburg ausländische Rundfunksender abhörte und selbst geschriebene Flugblätter in der Stadt verteilte, was ihm nach einem Hochverratsurteil das Leben kostete.
Die geradlinige Erzählung verzichtet auf unkonventionelle Effekte und konzentriert sich gänzlich auf die Figuren der einer Mormonen-Gemeinde angehörenden Jugendlichen. Sie sind zwar Mitglieder in der Hitlerjugend, stehen aber mit der nationalsozialistischen Ideologie auf Kriegsfuß, verteidigen einen jüdischen Freund und scheuen keine Konflikte mit überzeugten Nazis.
Eine Schreibmaschine und verbotene Bücher
Der rhetorisch begabte und belesene Hübener (Ewan Horrocks) arbeitet in einem städtischen Amt. Er hat dort Zugang zu einer Schreibmaschine und verbotenen Büchern, die im Keller gehortet werden. Als sein an der Kriegsfront dienender älterer Bruder zum Heimaturlaub kommt und heimlich ein Radio mitbringt, das die BBC empfängt, beginnt Hübener, der öffentlichen Propaganda zu misstrauen. Dass sich der Bischof seiner Kirche anpasst, vor seinen linientreuen Predigten Hitler die Treue schwört und Juden den Zutritt verbietet, widert ihn an.
Die brutale Verhaftung und Deportation seines Freundes Solomon Schwarz (Nye Occomore) lässt bei Hübener die Entscheidung reifen, etwas gegen die täglichen Lügen und staatlichen Übergriffe zu unternehmen. Er greift das, was er durch das Hören von Radionachrichten erfährt, auf, um Broschüren über die Wahrheit des Krieges zu verfassen. Seine Freunde Karl-Heinz Schnibbe (Ferdinand McKay) und Rudi Wobbe (Daf Thomas), die nach dem Krieg beide in die USA auswanderten, zögern nicht lange, diese mit ihm in ganz Hamburg zu verteilen.
Die Inszenierung hält sich nicht an alle historische Fakten und konstruiert entlang von Verfolgungsjagden, Prügeleien und spannungsgeladenen Momenten einen epischen Strang um einen innerlich zerrissenen, akribisch ermittelnden Kontrahenten, der es sich zum Ziel setzt, die Urheber der Flugblätter aufzuspüren. Hübener werden seine Zitate von Thomas Mann, Stefan Zweig oder Shakespeare zum Verhängnis, die der Gestapo-Mann Erwin Mussener (Rupert Evans), der ein Literaturstudium abgebrochen hatte, erkennt und die Spur bis zu dem Keller mit den verbotenen Büchern verfolgt.
Düstere Verhör- und Gerichtszenen
Die zweite Hälfte des Films beschränkt sich auf düstere Verhör- und Gerichtszenen. Mussener glaubt dem Teenager nicht, dass er die Flugblätter selbst geschrieben hat, und vermutet einen Professor dahinter. Als er ihn besser kennenlernt, beginnt er ihn zu bewundern, was ihn nicht daran hindert, seine Ermittlung zu Ende zu bringen und Hübeners Komplizen zu verhaften. Dieser verrät nach überstandener Folter schweren Herzens ihre Namen, um seine Familie und eine Arbeitskollegin zu schützen, in die er sich frisch verliebt hatte.
Im Verlauf der zunehmend erschütternden Handlung greift der Film immer wieder auf eine pathetisch aufdringliche Musik zurück, die stark emotionalisiert, und verkürzt Hübeners Motivation außerdem auf seine ausgeprägte Religiosität. Das liegt wohl daran, dass der Film ein Produkt des US-amerikanischen Filmstudios Angel ist, das sich auf „Faith Based“-Filme spezialisiert hat, die sich um christliche Werte drehen. Der handwerklich solide gemachte Film überzeugt als filmisches Denkmal dennoch vor allem wegen seiner politischen Aktualität und der Leistungen der Schauspieler, allen voran des Briten Ewan Horrocks, der die märtyrerhafte Verwandlung vom idealistischen Jugendlichen zum Verantwortung tragenden Gegner der Diktatur in allen Nuancen mitreißend meistert.










