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Filmkritik
Am Ende von „Avengers: Infinity War“ sah man, wie sich der Titan Thanos (Josh Brolin), nachdem er mit Hilfe der Infinity-Steine die Hälfte aller lebenden Wesen im Universum ausgelöscht hat, in paradiesisch anmutender Natureinsamkeit zur Ruhe setzt – lächelnd wie ein zufriedener Gott, der sein vollbrachtes Werk ansieht und es für gut befindet: Das maßlose Wachstum der Bevölkerungen, die auf den unterschiedlichen Welten inklusive der Erde leben, ist gestoppt, die „Balance“ wieder hergestellt. Die Bezeichnung „Superschurke“ würde Thanos wohl weit von sich weisen; schließlich sind seine Motive – das beweist er nun in „Avengers: Endgame“ eindrucksvoll – völlig selbstlos.
Für die Betroffenen sieht Thanos’ Balance freilich wie ein Albtraum aus. Zum Beispiel so: Ein Mann verbringt einen sonnig-glücklichen Tag mit seiner Familie; dann, von einem Moment auf den anderen, sind Frau und Kinder urplötzlich verschwunden, haben sich wortwörtlich in Luft aufgelöst; er bleibt allein und untröstlich zurück. Der Mann ist Clint Barton alias Hawkeye (Jeremy Renner), einer der Avengers, und mit seiner Perspektive auf Thanos’ radikale Weltrettungsaktion eröffnet „Avengers: Endgame“, der Höhepunkt von Phase 3 des „Marvel Cinematic Universe“ (MCU).
Unvermeidbar: Ein letzter gewaltiger Showdown
Es ist klar, dass weder Clint noch die anderen Avengers, die ebenfalls Freunde, Angehörige oder Geliebte verloren haben, sich kampflos in Thanos’ schöner neuer Welt einrichten werden, sondern dass sie das Geschehene rückgängig zu machen versuchen. Und ebenso klar ist, dass dies auf einen letzten gewaltigen Showdown zusteuert, bei dem nochmal alles an Figuren und Material in die Schlacht geworfen wird, was das MCU zu bieten hat.
So weit, so vorhersehbar. Die moralischen Brechungen, die Thanos zugestanden werden, bedeuten noch lange nicht, dass er jenseits der dramaturgischen Funktion, die er als Antagonist in einem Superheldenfilm zu erfüllen hat, viel Handlungsspielraum besäße. Thanos bezeichnet sich und seine Tat einmal als „unvermeidbar“; unvermeidlich ist aber natürlich vor allem, dass er damit falsch liegt, weil die Macher ansonsten schon sehr mutig mit den Spielregeln des Genres brechen müssten; dass ein ultrateures Großprojekt aus dem Hause Disney, dem diverse andere „MCU“-Filme folgen sollen, sich diese Chuzpe nicht leisten will, liegt auf der Hand.
Die Karten fürs „Endgame“ werden gemischt
Bleibt also die Kür: Auf welchen Wegen versuchen die verbliebenen Helden, die Verschwundenen zurückzuholen, und welchen Preis zahlen sie dafür? Bei der Beantwortung dieser Fragen haben die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely sowie die Regisseure Anthony Russo und Joe Russo, die auch schon „The Return of the First Avenger“, „The First Avenger: Civil War“ und „Avengers: Infinity War“ verantwortet haben, einmal mehr gute Arbeit geleistet. Es gelingt ihnen immer wieder, auf dem Weg zum Unvermeidlichen interessante Haken zu schlagen. Zum Beispiel, indem sie die gezielt geschürten Erwartungen an eine Konfrontation zwischen Thanos, den überlebenden Avengers und ihrem neuen „Trumpf“, der im letzten MCU-Film eingeführten Carol Danvers alias „Captain Marvel“, zunächst allzu schnell zu erfüllen scheinen – nur um dem Ganzen dann eine überraschende Volte zu verpassen, die die Karten fürs „Endgame“ nochmal anders mischt.
Da der Film als fast dreistündiges Epos angelegt ist, bleibt ihm genügend Luft, rund um Tony Stark, Steve Rogers, Thor und die anderen Charaktere, mit denen das Publikum seit „Iron Man“ (2008) mitfiebert, vor dem absehbaren Showdown mäandernde Handlungsstränge zu entfalten, die sich nicht nur auf Action, sondern mehr noch auf die „menschelnden“ Aspekte der Filmreihe konzentrieren, sprich: auf Befindlichkeiten der Figuren und ihre Beziehungen untereinander.
Das liefert einerseits Stoff für „comic relief“ (etwa rund um Thor, der sich nach der verheerenden Niederlage fürs Erste vom Superheldentum und dem dazugehörigen Waschbrettbauch verabschiedet), andererseits für reichlich Melodrama, wenn es zum Beispiel gilt, den seit „The First Avenger: Civil War“ (2016) schwelenden Konflikt zwischen Tony Stark und Steve Rogers zu überwinden oder die Freundschaft zwischen Natacha und Clint auf eine schmerzvolle Probe zu stellen.
Schicksale runden sich
Dass dabei auch das Motiv der Zeitreise eine wichtige Rolle spielt – denn natürlich müssen die Avengers, um ihr Ziel zu erreichen, den Lauf der Dinge modifizieren – mag zwar mitunter die Logik arg strapazieren, sorgt aber für spannungsfördernde Verwicklungen. Und es entpuppt sich als exzellenter Aufhänger dafür, Erzählfäden und Motive aus vorherigen Filmen noch einmal aufzugreifen und sie so in den Plot zu integrieren, dass sich „Avengers: Endgame“ als Abschluss der bisher erzählten Saga sozusagen nochmals vor allen Protagonisten verbeugt und die Schicksale zentraler Figuren rundet – um sich zumindest teilweise von ihnen zu verabschieden.
Als bombastisches Unterhaltungskino ist der Film einmal mehr bestens gelungen. Im Vergleich zu den beiden „First Avenger“-Filmen, die weniger auf Science-Fiction-Motive setzten, sondern sich stärker am gesellschaftlichen Klima in der USA, dem Misstrauen gegen staatliche Institutionen und der latenten Polit-Paranoia orientierten, fällt „Avengers: Endgame“ wie schon „Infinity War“ allerdings fast revisionistisch aus, was seine Interpretation des Superhelden-Mythos anbelangt.
Dass es mit Thanos einen scheinbar allmächtigen außerirdischen Gegner zu bekämpfen gilt, mag innerhalb der Filme die schlimmsten Albträume der Figuren wahr werden lassen. Tatsächlich ist es aber auch eine Entlastung, eine Art Reduktion politischer Komplexitäten, die in „The Return of the First Avenger“ und „The First Avenger: Civil War“ mitschwangen. Der Teufel steckt nun nicht mehr im eigenen gesellschaftlichen System und seinen Institutionen, wie das in „The Return of the First Avenger“ noch der Fall war. Und auch Frage nach der Legitimation von Superhelden und ihrem Verhältnis zu Staat und Bürgern, die sich in „Civil War“ stellten und die die Avengers spalteten, sind angesichts der Bedrohung von außen völlig verstummt – in den Schlaf gesungen von einer Götterdämmerung, die mit großem Getöse daherkommt, aber die Wertesysteme des Genres tunlichst unangetastet lässt.



