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Filmkritik
Peter Lorre ist in Aufregung. Hektisch stolpert er durch die weiträumigen, klinischen Hallen, als plötzlich der Alarm ertönt. Er weiß zu viel. Vor den Türen des riesigen Gebäudekomplexes wird er schließlich gefasst und in ein schwarzes Loch verfrachtet. Der Whistleblower konnte aufgehalten werden und das Geheimnis noch nicht nach außen dringen. Dabei handelt es sich selbstredend nicht um den 1964 verstorbenen Charakterdarsteller, sondern um dessen „Looney-Tunes“-Abbild, das sich schon in den 1940er-Jahren aufgrund Lorres markantem Aussehen in den legendären Cartoons wiederfand.
Die übermächtig inszenierte Firma, die aus sinisteren Gründen, wie sich später herausstellen wird, keine Informationen preisgeben möchte, ist das fiktionalisierte Unternehmen ACME Corporations. Bereits im Intro von „Coyote vs. Acme“ wird bei Einblendung des berühmten „Warner Brothers“-Schriftzug auf die fiktive Firma hingewiesen. Unmittelbar danach folgt als Texttafel „Basierend auf wahren Ereignissen“, im Kosmos der Looney Tunes eine durchaus gewagte These.
Aufstand der Cartoonfiguren
Vor allem versorgt ACME aber die bekannte Zeichentrickfigur Wile E. Coyote mit allerlei Produkten, die ihm bei seiner vergeblichen Jagd nach dem pfeilschnellen, die endlosen Straßen der Wüstenlandschaft durchquerenden Road Runner helfen sollen. Doch man kennt das Tom-und-Jerry-Prinzip aus den immer gleich endenden Zeichentrickfilmen von Cartoonist Chuck Jones, der die Figuren einst erfand: Coyote versucht den flinken Vogel zu erwischen, um ihn anschließend zu verspeisen, wird aber durch eine Fehlzündung in die Luft gesprengt, fällt der Schwerkraft zum Opfer oder die Hilfsmittel schießen anderweitig auf ihn zurück. Road Runner grüßt immer nur schelmisch mit „Meep, Meep!“.
Als Coyote schließlich seine Archive durchgeht, an dieser Stelle werden im Film einige alte Cartoons herausgekramt, und all die fehlerhaften Pläne durchgeht – von A wie Amboss bis Z wie Zündschnur –, dämmert es dem stummen Steppenwolf: Die fehlerhaften Produkte von ACME müssen verantwortlich für die andauernden Fehlschläge sein. Um das Unternehmen zu verklagen, engagiert er den Kleinstadt-Anwalt Kevin Avery (Will Forte), der wie eine ambitionslosere Variante von Saul Goodman aus „Better Call Saul“ wirkt (auch „Coyote vs. ACME“ spielt in Albuquerque), aber auf eine ähnlich verschrobene Art an Außenseiter-Figuren fasziniert ist.
Mit Schildern kommunizieren
Der als eine Zwischenwelt aus echten Menschen und den zweidimensionalen Looney Tunes angelegte Hybrid-Animationsfilm von Dave Green wandelt auf Pfaden artverwandter Verwerter: Ähnlich wie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ bedient er anfangs und im weiteren Verlauf den Film noir und erzählt darüber hinaus eine David-gegen-Goliath-Geschichte wie bei „Space Jam“. Auch wenn Kevin sich anfangs nicht für diese Mammutaufgabe begeistern kann, sich mit dem Großkonzern und damit auch seinem ehemaligen Harvard-Kommilitonen und jetzigen Rechtsvorstand von ACME, Buddy Crane (John Cena), anzulegen, arbeitet er schließlich mit Coyote zusammen. Mut und Motivation schöpft er nicht nur aus der misslich-liebenswürdigen Art seines Cartoon-Kumpanen, sondern auch durch seine zielstrebige Nichte Paige (Lana Condor).
Die Prämisse, die lose auf einem Magazinartikel von Ian Frazier im „New Yorker“ beruht, ist simpel und zugleich genial. Bereits bei dem ersten Gespräch zwischen Coyote und Kevin trifft der Slapstick der früheren Cartoons auf die überforderte, aber dominierende Menschenwelt. Mehrfach fliegen die Büroräume in die Luft. Da Coyote stumm ist, kann er nur mit Blicken in die Kamera, Beulen auf dem Schädel und gewohnheitsmäßig beschrifteten Schildern kommunizieren. Vor allem aber spricht er durch die Form des Cartoons selbst. Durch seine wiederholten Einstürze in den Krater signalisiert er Kevin: Gib nicht auf, irgendwann erreichst du die andere Seite!
Mischung aus Slapstick, Film noir und Gerichtsfilm
„Coyote vs. Acme“ vermag es nämlich, den charmanten Zeichentrickfilmen zu huldigen und seine Mechanismen gleichzeitig mit einem soliden Kriminalfall zu verbinden. Auf der gemeinsamen Spurensuche begegnen dem Ermittler-Trio viele bekannte Figuren, von anonymen Quellen mit schriller Stimme („Is’ was, Doc?“) erhalten sie Hinweise auf weitreichende Verschwörungen rund um ACME. Bugs Bunny, Daffy Duck oder der Tasmanische Teufel bereichern den Film mit ihren referenziellen Eigenheiten und werden organisch in die Handlung eingearbeitet, statt ausschließlich mit nostalgischen Momenten zu verklären.
Vor allem die Inszenierung sorgt dafür: Der Schnitt von Carsten Kurpanek nimmt sich jene Zeit, um Slapstick-Momenten Raum zu geben und nicht nur den Plot voranzutreiben; währenddessen wandert die Kamera von Brandon Trost umher, verfolgt den Road Runner oder Coyote dynamisch und bleibt selten statisch. Generell erweist sich die Verbindung aus menschlicher Welt und umtriebigen Cartoon-Figuren als erstaunlich stimmig, gerade weil der Film selbst in den kleinsten Details mit der Symbiose aus beiden Welten spielt. Daraus entsteht eine ebenso eigentümliche wie unterhaltsame Mischung aus physischem Humor, Film noir und Gerichtsfilm.
Gleichzeitig kommen sich Coyote und Kevin auf verschroben-rührselige Weise näher: Cartoonfiguren werden in dieser hybriden Welt wie „Menschen zweiter Klasse“ behandelt, und Kevin entwickelt sich dadurch zum Vertreter marginalisierter Gruppen, da er sich selbst stets dominanten Geschäftsmännern wie dem skrupellosen Crane unterordnen musste. Man könnte „Coyote vs. Acme“ als Parabel auf die Ausbeutung der Tiere und als Kritik am kapitalistischen System lesen. Vor allem aber handelt es sich um eine abendfüllende Ode auf die Freundschaft, wie es schon die alten „Road Runner und Wile E. Coyote“-Cartoons waren, der durchgehend flott, spaßig und auf befreiend jugendliche Weise witzig ist.
Nur so funktionieren Cartoons
Selbstredend löst sich alles, nach kurzzeitigen Intrigen und zwischenmenschlichen Diskrepanzen, in gewohnt rührseliger Gemächlichkeit auf. Was bleibt, ist ein Leben für den Weg, den der Road Runner schließlich in Windeseile zurücklegt. Denn sind wir glücklich, wenn wir unser Ziel erreichen oder wenn wir es stetig vor den Augen haben? Coyote und Road Runner bedingen sich, ohne die jeweils andere Figur gäbe es keinen Cartoon. Wie beim Fangen-Spielen in der Kindheit: Alleine würde es keinen Spaß machen.









