Digger










- Veröffentlichung01.10.2026
- RegieAlejandro G. Iñárritu
- ProduktionVereinigte Staaten (2026)
- GretaUntertitel, Audiodeskription
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Guten Morgen an den mächtigsten Mann der Welt! Digger Rockwell (Tom Cruise) begrüßt in seinem Kingsize-Bett als erstes seine betagte Katze, die sogar noch mehr in die Jahre gekommen ist als er selbst, nur noch ins Bett uriniert und kaum noch den Kopf neigen kann. Dennoch trägt er sie durch sein rustikal-pompöses Anwesen, vorbei am Interieur aus arrangierten Cowboyhüten, ausgestopften Kadavern und geschmacklosen Wandbildern. Und natürlich der heiligen Familien-Schaufel.
Am liebsten würde sich der milliardenschwere Erdölmagnat und Egomane jene Schaufel, die als Glanzstück über dem Kamin hängt und die sein Urgroßvater, Gründer des späteren Familienimperiums, mutmaßlich früher für 10 Cent erworben hatte, zwischen die Beine halten, um sein enormes Glied zu symbolisieren.
Das Ende der Welt ist eine Farce
Regisseur Alejandro González Iñárritu verschwendet keine Zeit, um in seiner Gesellschaftssatire die Karikatur eines Milliardärs zu zeichnen, der durch seine immense finanzielle Einflussnahme auch geopolitisch Strippen zieht. Von der drohenden Katastrophe, die „Digger“ durchzieht, erfährt Digger Rockwell – schon der Name wirkt reichlich überspitzt –, als würde er die Morgenzeitung lesen: Trotz eindrücklicher Risiken ignoriert er die Hinweise seines operativen Wissenschaftlers, der beim Abbau von Erdöl in Grönland vor der Methangas-Leckage warnt.
Durch sein egoistisches, profitorientiertes Verhalten explodiert die gesamte Ölbohrplattform und fortan steuert ein gigantischer Eisberg (von allen „Judy“ genannt) auf Nordeuropa zu, der für zahlreiche Todesopfer und Flüchtlinge sorgen würde. Unterrichtet wird er von seinem wissenschaftlichen Berater Dr. Ganesh (Riz Ahmed), doch Digger bleibt gelassen, umsorgt weiterhin seine Katze wie ein reinrassiges Erbgut, lädt vorsichtshalber aber US-Präsident Compson (John Goodman) und dessen Entourage zu sich nach Hause ein.
Das Gegröle im Konferenzraum, wo der Präsident einen frauenfeindlichen Witz gerissen hat, verstummt erst, als der sichtlich verschüchterte Dr. Ganesh seinen Appell verdeutlicht: Die von dem Panel ausgemachten Chancen, die Katastrophe noch abzuwenden, gehen auch als Supermacht gegen null. Plötzlich lehnen sich Digger, Compson und Co. vor. Der Präsident fürchtet um seinen Ruf und gibt lauthals Digger die Schuld, der sich wiederum um sein Öl-Imperium sorgt – nicht um mögliche zivile Opfer. Nun gilt es, das Narrativ zu bestimmen, wenn man schon nicht die Menschheit vor dem durch Machthunger und Verdrossenheit selbst ausgelösten Unheil retten kann.
Das Narrativ bestimmen
Um ein Narrativ geht es auch Iñárritu, der nach einer gewissen Zeit mit seiner grobschlächtigen Satire brechen möchte. Aus der Umweltzerstörung durch Monopolisten und Supermächte, die bewusst und wenig subtil mit realen Vorbildern kokettiert, versucht er mehrere Ebenen zu eröffnen, die vor allem die Zusehenden desorientieren sollen. Wie in „Birdman“ versteht er sich als ambitionierter, kunstvoll bestrebter Kommentator, dem es um die Verbindung von Gesellschaft und Kunst geht, um das Theater des Lebens, das sich in der Gesellschaft spiegelt, die hingegen sich nicht immer spiegeln lassen möchte.
Wenn Digger und seine Halbschwester Emma (Sandra Hüller) sich in die Haare kriegen, fliegen – wie im gesamten Film, zumindest auf einigen Ebenen – großtönige, oft leere und moralisierende Worte umher. Und wenn Digger schließlich in einem kulissenhaften Kongress, einem Hexenkessel aus tobenden Diplomaten, seine Rede hält, betont er: Ich gebe ihnen die Wahrheit, das werden sie erst recht fressen.
In „Digger“ erinnern die bleichen Gesichter, Szenenbild und Kostüm in gedeckten Farben sowie die statischen Aufnahmen, akribisch eingefangen von Emmanuel Lubezki im VistaVision-Verfahren, an die Filme von Roy Andersson und damit an ein europäisches Kino. In der auf einzelne Schauplätze konzentrierten Satire zeigt sich auch eine Nähe zu Ruben Östlund, während die schräge Meta-Observation an Quentin Dupieux denken lässt. Schaffensprozess und Publikum werden nicht nur mitgedacht, sondern sind selbst Teil der Inszenierung. Immer wieder sind Bildschirme zu sehen, unbeobachtet und beobachtend, die Medienschelte wird genauso erzwungen wie eine subversive Meta-Satire.
Sittenspiel und Grabenkampf
Dabei nähert sich das gebrochene Sittenspiel einem künstlerischen Abgesang auf die Menschheit oder lässt die Kunst aufleben in pessimistischen Zeiten. „Digger“ möchte unbedingt im Zwiespalt verharren, bleibt vage, aber nicht metaphorisch, viele Gedanken werden plump ausgesprochen, wenn die Ebenen der Satire durchbrochen werden. Ein bewusst theatralisches Vorkauen, als wären es Schauspieler auf einer Bühne, die ihre Rollen zweckorientiert ausfüllen, unter Anraten von Figuren wie jenen, die von Jesse Plemons („It’s funny and it’s dumb.“) oder Sophie Wilde verkörpert werden.
Die Farce, ob sie eine sein möchte oder nicht, schafft es selten, witzig zu sein, oft sind es gar qualvolle Pointen: Der an einem Rektumkarzinom leidende Präsident, die vielen Phallus-Anspielungen in den Streitgesprächen oder das hysterische Verhalten der blassen Gefolgschaft (genial besetzt auch in Nebenrollen: Michael Stuhlbarg und Burn Gorman). Exaltierte Momente, um eine dystopische Realität zu ermöglichen. Tom Cruise als Digger, der die Welt eigenhändig umgraben möchte, folgt diesem Ruf mit weißen Lederstiefeln, die einen Globus zum Rotieren bringen. Kaum wiederzuerkennen, korpulent und mit aufwändiger Maske, plärrt er durch die Gegend und in sich hinein, eingefangen meist in leicht verzerrten Weitwinkelaufnahmen, bis er endlich aus der Rolle fallen darf.
Die Kunst der Postapokalypse
„Digger“ ist das, was übrig bleibt. Wie weit kann ein Erbe eines mächtigen Mannes, der aktiv die Geschichtsschreibung lenkt, in der Kultur verankert bleiben? Keiner lacht. Das ist die Kunst der Postapokalypse: Ein Urteil könnt ihr euch bilden, wenn es zu spät ist.

