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Filmkritik
Wellen flackern über das verrauschte Schwarzbild eines alten VHS-Bandes. Eine Stimme räuspert sich, setzt zum Sprechen an, bricht ab – „Ach, Sprache“. Einar Schleef, Theaterregisseur, Schauspieler, Schriftsteller, Maler und Fotograf, spricht aus dem Off über sein Stottern, das ihn seit Kindheitstagen begleitet: als Verdeutlichung einer tiefen inneren Zerstörung. Der Sprachfehler mache hellhörig für Sprache: „Mich interessiert der sprechende Mensch.“ Schleefs Vater, der als gebrochener Mann aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte, zählte nicht zu den sprechenden Menschen. Er habe geschlagen und gedroschen; auch über die Nazi-Zeit sei geschwiegen worden.
Klagegesänge über 40 Jahre
In „Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden“ spricht vorwiegend Einar Schleef über Einar Schleef. Die Berliner Filmemacherin Sandra Prechtel hat mit Sorgfalt und Hingabe im umfangreichen Nachlass von Schleef recherchiert und aus der Fülle von Fotografien, Texten, Film- und Audioaufnahmen über Proben- und Premierenmitschnitte bis hin zu Lesungen und Fernsehauftritten einen reinen Archivfilm montiert. Vor allem Schleefs posthum veröffentlichte Tagebücher – er nannte sie „Klagegesänge“ – ziehen sich als tragende Spur durch einen Zeitraum von annähernd 40 Jahren.
Dabei ist jede (künstlerische) Äußerung untrennbar mit Geschichte und Gegenwart verbunden: Familien- oder vielmehr Vätergeschichte, deutsch-deutsche Geschichte, Nachwendezeit – all das im Fortwirken, als Präsenz, als gegenseitige Durchdringung. Schleefs Blick richtete sich auf die Brüche und Verwerfungen im eigenen Land, die unter anderem Ausdruck fanden in Inszenierungen wie „Faust“ und „Ein Sportstück“ nach einem Text von Elfriede Jelinek. Die Bilder der uniformierten Männer und Frauen, die ihre Körper für den Krieg präparieren und dabei „Krieg, Krieg, Krieg, Freude, Frohlocken“ skandieren, erschrecken. Theaterhistorie als Aktualität.
Jeder Schritt als Reibung
Angefangen mit einem Tagebucheintrag aus dem Jahr 1963 in der Geburtsstadt Sangerhausen im Harz, zeichnet der Film Schleefs künstlerischen Werdegang nach; der letzte Tagebucheintrag stammt von 1999, zwei Jahre vor dem frühen, einsamen Tod des Künstlers mit 57 Jahren. Als „Quertreiber“, wie er sich selbst verstand, erfuhr Schleef jeden seiner Schritte als Reibung und Widerstand, aber auch als ein Abarbeiten an den Verhältnissen - im Osten wie im Westen. An der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo er Malerei und Bühnenbild studierte, wurde er im ersten Studienjahr exmatrikuliert, bevor ihn der Brecht-Bühnenbildner Karl von Appen als Schüler aufnahm.
Mit nur wenigen Stücken entwickelte Schleef seine unverwechselbare Formensprache: eine weitgehend leere Bühne, beschränkte Requisiten, rhythmische Sprechakte und die Wiederbelebung antiker Chöre. Ein Kritiker nannte das ein Theater des Drills, der Gewaltanwendung, ein menschenverachtendes Theater. Immer wieder schlug Schleef heftiger Widerstand entgegen: am Berliner Ensemble, nach dem Weggang aus der DDR 1976, am Schauspiel Frankfurt und später am Berliner Ensemble der Nachwendezeit, wo er bei der Uraufführung von Rolf Hochhuths „Wessis in Weimar“ den Autor verprellte.
Prechtel skizziert Schleef aber weniger als Systemsprenger, der durch seine Arbeit mit Chören und Massenszenen Kritik und Publikum gleichermaßen verstörte. Vielmehr stellt sie den verletzlichen Einzelgänger ins Zentrum, der von einem Gefühl fundamentaler Unbehaustheit gezeichnet ist. In der DDR sieht er seine Füße in einem „Dreck- oder Matschklumpen verwurzelt“, ohne dass er sich bewegen kann. Aber auch im Westen erfährt er Unfreiheit und Konformitätsdruck. Allein die Menschen in ihren Autos zu betrachten, mache ihm Angst. In den Gesprächen vermisst er die „Berührung“.
Von großer Bewunderung getragen
Eine Berührung ist Prechtels Denkmal gewiss. „Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden“ ist von großer Bewunderung und einem gelegentlich zeremoniellen Gestus getragen. Untermalt mit getragener Klaviermusik, Streichern und Schubert-Liedern, feiert der Film einen Ausnahmekünstler, wie es ihn heute nicht mehr gibt. Eine Berührung im wörtlichen Sinn sind auch die Archivschätze, die Fotografien und verkratzten Kontaktabzüge, die Super-8- und 16mm-Aufnahmen, die matschigen Videobilder und knisternden Tonbandaufnahmen. Die Widersprüche, Fragen und Zweifel, die Schleef ausmachten, trägt der Film aber nicht an die Figur heran; er folgt Schleef vielmehr in den Bewegungen seines Denkens, Sprechens und Stotterns.



