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Flieg steil

86 minDramaFSK 16
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Die in der Berliner Naziszene respektierte Konnie (28) sieht ihr Ansehen unter ihren Kameraden mehr und mehr schwinden: Seitdem Konnie ihre ultra-feministischen, sexpositiven, körperpositiven und queeren Ansichten in ihre Musik integriert und diese vehement verteidigt, kann die rechte Szene nichts mehr mit ihr anfangen. Besonders Andi, der wortführende Kneipenwirt der Friedrichshainer Stahlkappen Division, hat sie auf dem Kieker. Als Konnie auf Punk Rudi trifft, der in einem fatalistischen Alleingang Konnies Nazikneipe hochgehen lassen will, findet sie in ihm den perfekten Spielball, um sich wieder bei ihrer rechten Kameradschaft beliebt zu machen. Rudi (38), der durch sein unvorhersehbares, aggressives Verhalten all seine Freunde vergrault hat und selbst zum Außenseiter in seiner Punk-Clique geworden ist, sucht ebenfalls nach einem Weg, sich seinen Kumpels wieder zu nähern. Wer von den beiden bleibt am Ende übrig?

Wer jenseits der 40 noch Revolution spielen will, braucht mehr Einsatz und Selbstüberzeugung als einst. Das führte zuletzt Paul Thomas Anderson in „One Battle After Another“ vor Augen. Davon handelt nun auch „Flieg steil“, das energische Regiedebüt von Martina Schöne-Radunski und Lana Cooper. Die Reaktivierung der linksautonomen Netzwerke von einst kostet den in die Jahre gekommenen Rudi (Alexander Merbeth) sichtlich Mühe. Selbst zu Demonstrationen kann er seinen Freund Cervezito (Tom Lass) nicht mehr motivieren, da der sich schon beim Gedanken, dass es regnen könnte, zu sorgen beginnt. Vielleicht möchte Rudi aber auch nur seinen privaten Verantwortungen und bürgerlichem Ennui entkommen; für seinen Sohn, den er mit Sandra (Lana Cooper) hat, interessiert er sich jedenfalls sichtlich weniger als für die kraftvoll erträumte politische Aktion.

Feminismus & Faschismus

Konnie (Ceci Chuh) ist jünger, doch in den Neonazi-Kreisen des Berliner Stadtteils Friedrichshain herrschen andere Herausforderungen. Mit Heinrich (Hendrik Heutmann) und Franzi (Cora Mainz) spielt und singt sie in der Band Ilse Loch, deren Sound zwischen Hardcore-Punk und Electroclash angelegt ist, aber zugleich auch mit rechtsnationalen Parolen und Inhalten verbunden wird. „Die Zukunft des Nationalsozialismus ist weiblich“, skandiert sie bei Liveauftritten wagemutig, obwohl es dem bierdimpfeligen Publikum der selbst ernannten „Stahlkappen Division“ doch merklich schwerfällt, Faschismus und Feminismus zusammenzudenken. Die ideologische Umgestaltung der Szene erfordert deshalb eine Orientierung nach außen. In ihrem Job beim Krisendienst beginnt Konnie deshalb, junge Frauen für die gemeinsame Sache zu rekrutieren.

Erfreulich nonchalant und unumwunden, regelrecht komödiennah, wirft „Flieg steil“ so innerhalb weniger Minuten in ein Chaos aus unvereinbaren Denkweisen und geteiltem Ungenügen. Mit rohem, nicht nachlassendem Erzählrhythmus lässt der Film gegen alle Wahrscheinlichkeiten die beiden Hauptfiguren zueinanderfinden. Die stilecht zotteligen Haare plötzlich akkurat gescheitelt, will sich Rudi auf eigene Faust in die rechte Szene einschleusen und diese im heroischen Alleingang unterwandern und gewalttätig auseinandernehmen. Doch auch wenn Konnie diese Maskerade unschwer durchschaut, weiß sie selbst auch nicht so recht, warum sie ihre rückschrittlichen Kameraden wirklich decken und beschützen soll.

Widersprüche kenntlich machen

Ihre rechtsnationale Bewegung soll „heimatlich“, aber zugleich auch „sexpositiv, körperpositiv, lesbisch, schwul und trans“ sein, erklärt Konnie. Dass solche performativen Widersprüche in extremistischen Szenen kaum lebbar sind, aber dennoch gegen jede Vernunft erträumt werden, scheint dabei durch die Realität gedeckt. Als einer der dramaturgischen Berater war der Regisseur Pablo Ben Yakov an „Flieg steil“ beteiligt. Gemeinsam mit André Krummel drehte er 2023 den umstrittenen Dokumentarfilm „Goldhammer“, in dem der schwule jüdische Sexarbeiter Marcel Goldhammer auf seinem Weg zum rechtspopulistischen Social-Media-Star mit AfD-Mitgliedschaft beobachtet wurde. Ähnlichen biografischen Unvereinbarkeiten widmete sich auch schon Rosa von Praunheim in „Männer, Helden, schwule Nazis“ (2005).

Die große Stärke von „Flieg steil“ liegt darin, solche Widersprüche kenntlich zu machen, ohne sie pädagogisch aufzulösen. Nicht von ungefähr erinnern der bisweilen improvisiert wirkende Erzählton und die Nervosität der Kamera an die Filme des sogenannten German Mumblecore, einer der wenigen genuinen unabhängigen Filmbewegungen im deutschen Kino der letzten Jahrzehnte. Als Schauspielerinnen waren Martina Schöne-Radunski und Lana Cooper in den frühen bis mittleren 2010er-Jahren an zahlreichen Mumblecore-Produktionen der Brüder Tom und Jakob Lass oder von Philipp Eichholtz prägend beteiligt. „Flieg steil“ wirkt wie die Verwirklichung eines bis dahin nie so ganz eingelösten Versprechens dieser Bewegung: Filme zu drehen, die frisch und unmittelbar, zeitgeistig und herausfordernd – und die querstehen zur behäbigeren Produktionsroutine des Förderkinos.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFlieg steilVon: Kamil Moll (28.7.2026)
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