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Gentle Monster

112 minDramaFSK 16
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Die Konzertpianistin Lucy (Léa Seydoux) zieht mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn aufs Land, wo sich der Filmemacher langsam von einem Burnout erholt. Eines Tages steht die Polizei für eine Hausdurchsuchung vor der Tür. Der Vorwurf, den Sonderermittlerin Elsa (Jella Haase) gegen Philip erhebt, wiegt schwer und stellt Lucys Welt auf den Kopf. Wer ist der Mann, den sie liebt, wirklich?
Eine Geschichte über Lucy und Elsa, über Vertrauen und Täuschung, über Liebe und die Ehrlichkeit zu sich selbst.
  • Veröffentlichung17.09.2026
  • Marie Kreutzer
  • Deutschland (2026)
  • 6.4/10 (228) Stimmen

Würde man Lucy (Léa Seydoux) und Philip (Laurence Rupp) auf einer Party oder bei einem Abendessen unter Freunden begegnen, wären sie einem nicht unsympathisch. Ein schönes, einander zugewandtes Paar, ein wenig unkonventionell, aber nicht abgehoben und auf jeden Fall interessant. Er ist Filmemacher aus Österreich, sie eine gefragte Musikerin, die Popsongs neu interpretiert – und zwar nur solche, die Männer geschrieben haben. Lucy empfindet Männer als emotional arg zugeknöpft; deshalb „dekonstruiert“ sie ihre Lieder und versucht dabei herauszubekommen, welche Gefühle sich in den eingängigen Zeilen zum Mitsingen versteckt haben.

Könnte man jemanden anlügen, den man liebt?

Mit so einem Lied beginnt der Film „Gentle Monster“. Im Vorspann hört man aus dem Off, noch auf Schwarzbild, eine Frauenstimme, die sich singend an den Song „Would I Lie to You“ von dem US-amerikanischen Pop-Soul-Duo Charles & Eddie herantastet. „Würde ich dich anlügen?“ Ja, würde, könnte man jemanden anlügen, den man liebt? Ihm dabei womöglich in die Augen schauen? Diese Liedzeile ist nicht nur ein musikalisches Leitmotiv, sondern ist in aller Kürze auch der Kern der Geschichte, die Marie Kreutzer in „Gentle Monster“ erzählt: Ehrlichkeit, auch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Darum geht es neben den anderen großen Fragen und Themen, die dieser Film in den Raum stellt: Was kann, was muss man aushalten, wenn man einen Menschen liebt und man diese Liebe nicht einfach per Knopfdruck ausschalten kann? Und was ist, wenn dieser Mensch einen getäuscht und enttäuscht hat? Stellt man sich der schmerzhaften Realität oder verschließt man lieber die Augen? Glaubt man einer Geschichte, weil sie erträglicher ist als die Wahrheit und sie das eigene Selbstbild nicht zerstückelt, selbst auf die Gefahr hin, damit etwas zu stützen, das man bei klarem Verstand komplett ablehnt?

Die österreichische Regisseurin führt in einer langen Exposition die beiden Protagonisten Lucy und Philip ein und deutet dabei an, dass auch ihre Beziehung nicht unbelastet ist. Philip steckt in einer künstlerischen Schaffenskrise und hatte einen Burn-out. Deshalb ist das Paar mit seinem Sohn Johnny (Malo Blanchet) aus der Großstadt in die bayerische Provinz gezogen, in ein altes Bauernhaus, das so groß ist, dass man sich darin aus den Augen verlieren kann, aber Platz bietet für Lucys Flügel, Philips Computer und Johnnys Trampolin im Garten. Wenn der Junge in der Schule ist, lieben sich Lucy und Philip auf einer Matratze, die auf dem Boden liegt. Hier, in ihrem neuen Zuhause, wo es eine Zukunft für sie geben soll, brechen Lucys Leben und all ihre Gewissheiten in sich zusammen. Eines Morgens steht die Polizei im Haus, durchsucht die Zimmer und beschlagnahmt Philips Datenträger. „Wir ermitteln gegen Ihren Mann“, sagt die Polizeihauptmeisterin Elsa Kühn (Jella Haase); mehr könne sie derzeit nicht sagen.

Allein und isoliert

Philip scheint diesen Moment erwartet zu haben, und Lucy fällt in sich zusammen. Auf einmal ist sie allein mit der Wucht dieses Satzes, mit der Ungewissheit und ihren Ängsten, zunehmend auch isoliert durch sachliche, amtsdeutsche Fragen, die sie im Laufe der Ermittlungen beantworten soll und wofür ihr als Französin manchmal die Worte fehlen. Und sie ist völlig außer sich, als sie begreift, dass ihrem Mann der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie vorgeworfen wird.

17.126 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch wurden im Jahr 2025 in Deutschland angezeigt. Die Zahl der Fälle, die im Zusammenhang mit Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Missbrauchsdarstellungen stehen, liegt bei 41.677. Diese Zahlen kann man auf der Website der Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen nachlesen. Weiter heißt es dort, dass nach Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde in Deutschland bis zu eine Million Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalt durch Erwachsene erlebt haben oder immer noch erleben. „Das sind ein bis zwei Kinder pro Schulklasse.“ Die Täter sind, wie man spätestens seit der Aufdeckung und den polizeilichen Ermittlungen gegen den Missbrauchskomplex in Bergisch Gladbach weiß, Menschen, meist Männer, die oft Familien haben und täglich ihrer Arbeit nachgehen. Als Marie Kreutzer 2020 einen Zeitungsartikel über die Missbrauchsfälle in Nordrhein-Westfalen las, war sie über das Ausmaß erschüttert; ihr wurde bewusst, dass sie nicht nur Opfer, sondern „ganz sicherlich“ auch Täter kennen würde.

Als sie damals mit den Recherchen zu „Gentle Monster“ begann und mit Polizisten, Juristen, Psychologen sprach, ahnte sie noch nicht, dass sie selbst mit einem solchen Fall konfrontiert werden würde. Im Januar 2023, ein halbes Jahr nach dem Kinostart ihres Dramas „Corsage“, wurde der Schauspieler Florian Teichtmeister, der in dem Film den Kaiser Franz Joseph spielt, wegen des Besitzes von Dateien, die den sexuellen Missbrauch von Kindern zeigten, angeklagt und zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Kreutzer wurde selbst heftig kritisiert, da sie Vorwürfe gegen Teichtmeister, die bereits seit 2021 kursierten, bewusst ausgeblendet habe. Diesen Unterstellungen hat sie in vielen Interviews widersprochen, sich aus ihrer persönlichen Betroffenheit heraus aber entschieden, „Gentle Monster“ als Projekt nicht aufzugeben, sondern zu realisieren.

So nahegehend wie schmerzlich

„Gentle Monster“ zeigt weniger das dahinterliegende System und die Machtverhältnisse auf, sondern die Regisseurin bricht diese Problematik auf eine ganz persönliche und deshalb auch so nahegehende wie schmerzliche Weise herunter. Dass man beim Zuschauen die Opfer immer mitdenkt, ist eine Kunst des Films, der gänzlich auf entsprechende Darstellungen verzichtet und sie somit auch nicht reproduziert. Die konzentrierte Inszenierung, die beobachtende Kamera von Judith Kaufmann und die Montage von Ulrike Kofler spitzen nicht zu und dramatisieren nicht, sondern erzählen und lassen zu, sich eigene Gedanken zu machen. Léa Seydoux spielt nuanciert und mit großer emotionaler Hingabe die Figur der Lucy, die es einfach nicht fassen kann, dass Philip, dieser zärtliche Mann und liebevolle Vater, zu so einem Verbrechen fähig sein kann. Sollte er tatsächlich ein Monster sein? Sie kämpft mit sich und ihren Gefühlen, aber auch mit ihrem Selbstbild und der Sorge, ob Philip ihrem gemeinsamen Kind etwas angetan haben könnte; gleichzeitig wünscht sie sich sehnlichst, ihrem Mann und seinen Erklärungen glauben zu können.

Parallel dazu erzählt „Gentle Monster“ eine zweite Frauengeschichte, die der Sonderermittlerin Elsa Kühn, zu deren Job es gehört, sich unzählige grausige Bilder ansehen zu müssen. Ihre Haare fest zurückgekämmt und hyper-professionell, wirkt sie so beherrscht, als koste es sie alle Kraft, nicht ständig aus der Haut zu fahren. Sie liebe ihre Arbeit, sagt sie einmal, weil sie sinnvoll sei. Aber sie hält alle auf Abstand, vertraut niemandem außer sich selbst und hat einen Vater (Sylvester Groth), der alles, für das sie beruflich steht, in Frage stellt. Damit eröffnet der Film eine weitere Perspektive und stellt die Frage, wie man bewusst oder unbewusst missbräuchliche Systeme stützt; die Etablierung dieser schwierigen Tochter-Vater-Beziehung wirkt allerdings auch didaktisch motiviert, was der Film gar nicht nötig hätte.

Man spürt eine Wut

„Gentle Monster“ gestattet dem Publikum keine Katharsis. Philip ist einer unter Millionen. Nicht alle Täter werden verhaftet, angeklagt und verurteilt. Man spürt eine Wut, die den Film motiviert haben mag und die man selbst auch verspürt; er ist zugleich aber auch kontrolliert, weil es um eine Geschichte geht, vor der wir alle die Augen nicht verschließen dürfen. Lucy stellt sich schließlich den Tatsachen und hat damit eine Chance für einen Neuanfang.

Veröffentlicht auf filmdienst.deGentle MonsterVon: Kirsten Taylor (3.9.2026)
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