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HIDDENSEE

119 minDokumentarfilmFSK 0
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Hiddensee, ein nur 17 Kilometer langer Streifen Land in der Ostsee, geliebt als Sehnsuchtsort der Freiheit. Sonnenanbeter, Nacktbader, Künstler, Punks und Prominente strömen seit jeher in Scharen auf die Insel. Der Dokumentarfilm reist durch ein ganzes Jahrhundert bis in die goldenen 1920er zurück, als die intellektuelle Avantgarde hier zu Hause ist – wie Stummfilmstar Asta Nielsen oder Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Damals wie heute ist Hiddensee gezeichnet von politischen Verwerfungen, die sich im ganzen Land abspielen. Deutschland im Miniaturformat. Mehrere Erzählstränge, verschränkt über Zeiten und Generationen, führen schließlich zu den sich unaufhörlich zuspitzenden Spannungen der Gegenwart.
In hypnotisch schönen Schwarz-Weiß-Bildern verwebt die preisgekrönte Regisseurin Annekatrin Hendel Landschaft, Geschichte und Schicksale zu einem faszinierenden Porträt und blickt wie durch ein Brennglas auf Bewegungen, die weit über die legendäre Ostseeinsel hinausreichen. HIDDENSEE ist ein gleichsam poetisches wie beunruhigendes Kinoerlebnis voller visueller und erzählerischer Kraft.

Die kleine Insel Hiddensee liegt westlich ihres großen Nachbarn Rügen in der Ostsee. Hier ticken die Uhren anders. Auf dem 17 Kilometer langen und an seiner schmalsten Stelle nur 250 Meter breiten Eiland herrscht Ruhe. Es gibt keinen privaten Autoverkehr, dafür Fahrräder und Pferdekutschen. Man erreicht die Insel nur per Fähre. Das macht sie zu einem perfekten Refugium. Als die Dokumentaristin Annekatrin Hendel vor einigen Jahren von einer anhaltenden Fehde zweier Bewohner auf Hiddensee erfuhr, beschloss sie, das kleine Stück Land in der Ostsee nach vielen Jahren der Abwesenheit wieder aufzusuchen.

Für Hendel, viele Teenager, Außenseiter und Künstler war Hiddensee viele Jahrzehnte lang ein Ort der Unbeschwertheit und Freiheit. Die Insel im Norden der DDR lag geografisch nah und ideologisch doch so erfrischend fern. Mit etwas Trickserei konnte man dort für eine Weile stranden. Allerdings mussten die Besucher wegen der strengen Urlaubsformalitäten auf der Insel und weil das Eiland Grenzgebiet war, ein Quartier nachweisen. So drängelten sich auf dem Papier schon mal über zwanzig junge Menschen bei einer Einheimischen, die eigentlich nur ihre Enkelin beherbergen wollte.

Die DDR-Grenzer konnte man trotzdem austricksen – mit aus jugendlichem Übermut veranstalteten Fotoshootings oder wilden Konzerten. Aljoscha Rompe, der Sänger der Ostberliner Anarcho-Punkband „Feeling B“, hatte auf Hiddensee ein Haus und ist dort auch begraben. Rompe und seine damaligen Band-Kollegen Paul Landers und Flake Lorenz – heute sind sie Gitarrist und Keyboarder bei „Rammstein“ – tobten sich in der späten DDR musikalisch auf Hiddensee aus. Zudem erkoren sie die Insel zu ihrem privaten Ferienparadies.

Der „judenfreie“ Strand in Vitte

Lorenz hat für „Hiddensee“ jetzt die Filmmusik komponiert. Sie schwingt meist diskret im Hintergrund mit, schwillt aber gelegentlich an und betont so die Widersprüchlichkeit der Insel. Denn schon in den 1920er-Jahren musste Hiddensee Diskrepanzen aushalten. Eine Gruppe deutsch-jüdischer Malerinnen um Henni Lehmann und Käthe Loewenthal gründete dort den „Hiddenseer Künstlerinnenbund“ – und das auf einer Insel, deren Strand in Vitte sich zur selben Zeit als „judenfrei“ brüstete.

Indem der Film die Geschichte der Inselbewohner und Besucher ab dem Ende des Ersten Weltkriegs erzählt, erforscht er anhand von Fotos, Filmen und Augenzeugenberichten auch ein Jahrhundert deutscher Geschichte. Dazu springt der in ästhetischem Schwarz-weiß gehalten Film essayistisch zwischen den Jahrzehnten hin und her. Hiddensee, das von manchen als Ort „uferloser Ereignislosigkeit“ gescholten wurde, bot Menschen, die in Ruhe gelassen werden oder ihre künstlerische Ader ausleben wollten, einen perfekten Rückzugsort.

Die Frauen des „Hiddenseer Künstlerinnenbunds“ mussten die Insel aber nach der Machtergreifung der Nazis 1933 verlassen. Dass sich selbst ein berühmter Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, einst Rebell, Jugendschwarm und Autor sozialkritischer Werke, der auf Hiddensee eine prächtige Sommerresidenz besaß, bei den Nazis anbiederte, fächert der Film detailreich auf. Eine Ladung mit hundert Flaschen Wein von Albert Speer nahm der Literaturnobelpreisträger dankend an. Asta Nielsen hingegen, die die von Max Taut entworfene Bauhaus-Villa „Karusel“ bewohnte, suchte Hiddensee zuletzt 1936 auf und kehrte danach nach Dänemark zurück. Sie wollte keine Schauspielerin von Goebbels’ Gnaden sein.

Bei dem Dorf Kloster

Nach dem Krieg nahm die Insel in der neugegründeten DDR weitere Prominente auf. Die Tänzerin Gret Palucca erhielt hier ein Haus und veranstaltete ihre Sommerkurse am Strand. Über die Ambivalenz ihrer Biografie – sie gestaltete die Olympischen Spiele 1936 mit und fiel dann wegen ihrer teils jüdischen Herkunft in Ungnade – sah man genauso hinweg wie über die von Hauptmann; die Gräber der beiden liegen in dem Dorf Kloster, dem kulturellen Zentrum der Insel, nicht weit voneinander entfernt.

Auch eine weibliche DDR-Schauspieldynastie prägte die Insel. Inge Keller, die mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnete Grande Dame des Deutschen Theaters in Berlin, durfte auf Hiddensee trotz eines Baustopps für private Ferienhäuser eine Sommerresidenz errichten. Ihre Tochter Barbara Schnitzler, die ebenfalls lange Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin war, erinnert sich. Zusammen mit Kellers Enkelin Pauline Knof beschreibt sie Inge Keller, die immer mehr Diva als Mutter und Großmutter gewesen sei. Auch in dieser angedeuteten Familienbiografie schwingen Widersprüche familiärer und politischer Natur mit und werden zu einem Spiegel der Gesellschaft. Zudem bedient sich Hendel einer Verfremdungstechnik. Einige ihrer Protagonisten werden zwischenzeitlich durch Marionetten dargestellt. Das betont deren eingeschränkte Handlungsfähigkeit, aber auch ihr künstlerisches Wesen.

Neben Avantgarde-Künstlern, Staatskünstlern und Unangepassten profitierten aber auch ganz normale Bürger vom Charme der Insel – bis heute. Auch in Zeiten von Demokratie und Freiheit ist das Leben auf der Insel nicht konfliktfrei. Seit etlichen Jahren liefern sich der örtliche Pfarrer und der Bürgermeister einen erbitterten Streit. Man fühlt sich an Don Camillo und Peppone erinnert, auch wenn die Fehde mit bitterem Ernst ausgetragen wird und der Bürgermeister kein Kommunist ist. Es geht um unterschiedliche Auffassungen von Modernisierung und Tradition, um die Interpretation von Geschichte und um Mitsprache. Beide kommen in dem Film zu Wort, und es obliegt wohl dem Publikum, auch welche Seite es sich schlagen will oder auch nicht. So erscheint Hiddensee auch heute als paradiesisches Eiland, auf dem sich das Tosen der Wellen auch im übertragenen Sinne weiter bemerkbar macht.

Veröffentlicht auf filmdienst.deHIDDENSEEVon: Kira Taszman (27.7.2026)
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