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Filmkritik
In den vergangenen Jahren haben etliche gestandene Schauspielerinnen wie Kristen Stewart, Scarlett Johansson, Anna Kendrick, Maggie Gyllenhaal, Zoë Kravitz, Maria Schrader, Karoline Herfurth und Nicolette Krebitz die Seiten gewechselt und die Regie übernommen. Besonders viel Zeit gelassen hat sich die 1960 in Cornwall geborene Charakterdarstellerin Kristin Scott Thomas, die erst mit über 60 Jahren und nach fast 100 Rollen erstmals bei einem Spielfilm den Regiestuhl übernahm. Für das einfühlsame Familiendrama „My Mother’s Wedding“, das auf tatsächlichen Ereignissen beruht, hat sie zusammen mit ihrem Mann, dem Journalisten John Micklethwait, auch das Drehbuch geschrieben. Darin sind auch eigene Erfahrungen eingeflossen. Der Film kreist um drei Schwestern, deren Mutter ein weiteres Mal heiraten will, nachdem ihre ersten Männer, beides Soldaten, bei Einsätzen im Falkland-Krieg und in Bosnien ums Leben kamen; Kristin Scott Thomas’ eigener Vater und ihr Stiefvater dienten als Piloten in der britischen Marine und kamen bei Flugunfällen ums Leben, als sie noch ein Kind war.
Ein Wiedersehen dreier sehr unterschiedlicher Schwestern
Die drei Schwestern Katherine, Victoria und Georgina haben eigenständige Lebenswege eingeschlagen und sehen sich nur selten. Katherine (Scarlett Johansson) ist die Älteste und dient als gerade beförderte Offizierin bei der britischen Royal Navy; um ihren Sohn Marcus (Fflyn Edwards) kümmert sich in erster Linie ihre langmütige Lebensgefährtin Jack (Freida Pinto). Die schöne Victoria (Sienna Miller) tummelt sich als Schauspielerin im US-Filmgeschäft und wechselt häufig ihre Geliebten. Die jüngste Schwester Georgina (Emily Beecham) aus der zweiten Ehe ihrer Mutter arbeitet als Krankenschwester auf einer Palliativstation und lebt mit ihrem Mann Jeremy (Joshua McGuire) und ihren beiden Töchtern in der Stadt und leidet darunter, dass ihr sexsüchtiger Gatte sie schon seit Jahren betrügt. Vorgestellt wird das Trio durch Victoria, die in einer US-Talkshow über ihre Familie plaudert, ein zwar effektiver, aber auch etwas unbeholfener Kunstgriff.
Als die drei eine Einladung ihrer Mutter Diana (Kristin Scott Thomas) zur Hochzeit mit dem etwa gleichaltrigen Geoff (James Fleet) erhalten, kehren sie in ihr idyllisch gelegenes, farbenfrohes Elternhaus im malerischen Süden Englands zurück. Die Schwestern sind von der Entscheidung der Mutter zu einer dritten Ehe nicht gerade begeistert, sie haben Zweifel daran, dass Geoff der Richtige für Diana ist. Und sie befremdet, dass sie erneut den Namen des Gatten annehmen will und künftig Mrs. Geoffrey Loveglove, also frei übersetzt Liebeshandschuh, heißen wird.
Beim Wiedersehen merken die drei schnell, dass sie sich im Lauf der Jahre weit voneinander entfernt haben. Im Umfeld der Zeremonie und der anschließenden Feier treten allerlei Empfindlichkeiten und Eitelkeiten, Frustrationen und unausgesprochene Probleme bis hin zu verdrängten Konflikten und Traumatisierungen zu Tage. Eine bedeutsame Rolle spielen dabei die unterschiedlichen Wege, die das Trio eingeschlagen hat, um den frühen Verlust ihrer Väter zu verarbeiten.
Kindheitsballast treibt an die Oberfläche
In der konventionellen Inszenierung erhalten die drei Geschwister in etwa zwar die gleiche Erzählzeit, doch wie der Filmtitel schon signalisiert, hat die Sichtweise einer Schwester Vorrang. Es ist Katherine, die als lesbische Karriere-Offizierin mit Sohn und Lebensgefährtin in einer klassischen Männerdomäne schon allein deshalb die spannendste Figur darstellt. Sie löst auch einen heftigen Wortwechsel mit aus, als sie enthüllt, dass sie es einst als 12-jähriges Kind abgelehnt hat, den Familiennamen ihres Stiefvaters anzunehmen, das aber gegenüber Victoria verschwiegen hat. Wenn Katherine im Bild ist und mit der Vergangenheit konfrontiert wird, werden oft schwarz-weiß animierte Zeichnungen eingeschnitten, die ihre Erinnerungen an wichtige Kindheitserlebnisse sichtbar machen und eine nostalgische, manchmal sogar rührselige Stimmung generieren.
Zu Reibereien kommt es auch zwischen der Mutter und ihren drei Töchtern. Als man wie früher auf Dianas Drängen gemeinsam auf dem Friedhof die Gräber der beiden verstorbenen Ehemänner/Väter besucht, platzt ihr angesichts der chronischen Streitereien zwischen den Schwestern der Kragen. Diese sollten endlich aufhören, ihre Väter zu vergöttern, die schließlich nicht perfekt gewesen seien, und die Toten endlich loslassen. „Ihr seid jetzt schon älter, als sie geworden sind. Also lebt in der Gegenwart“, mahnt Diana.
Zu wenig existenzielles Gewicht
Dass große Ereignisse wie Hochzeiten und Todesfälle, Geburtstage und Weihnachtsfeste verstreut lebende Familienmitglieder wieder zusammenführen, hat in vielen Kino- und Fernsehfilmen für dramatische, komische oder tragische Verwicklungen im Familienkreis gesorgt, so auch in der britischen Liebeskomödie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ (1994) von Regisseur Mike Newell, in der Scott Thomas seinerzeit mitgewirkt hat und an die ihre erste Regiearbeit gelegentlich erinnert, wenn humoristische Einschübe die Konflikte auflockern – etwa wenn ein Jugendlicher nach einer feuchtfröhlichen Nacht nicht mehr von einem Baum heruntersteigen mag oder wenn ein Privatdetektiv den Damen ein heimlich aufgenommenes Video von Jeremy vorführt, das ihn bei kuriosen Eskapaden mit einer Sexpartnerin zeigt. Wirklich überzeugend wirkt die Kombination von Komischem und Dramatischem aber nicht; eher scheint es so, als könne sich Scott Thomas nicht so recht entscheiden, in welche Richtung sie marschieren will.
So ist „My Mother’s Wedding“ zwar durchaus amüsant und punktet mit ansprechenden Leistungen der prominenten Hauptdarstellerinnen; letztlich mangelt es dem Film aber an dramatischer Fallhöhe und existenziellem Gewicht, zu lange und zu oft ergehen sich die Charaktere in sentimentalen Erinnerungen und kleinlichem Gezänk.










