Watching People Watching Birds



- Veröffentlichung01.10.2026
- RegieMichael Loeken, Ulrike Franke
- ProduktionDeutschland (2026)
- GretaUntertitel, Audiodeskription
- Cast
Vorstellungen
Filmkritik
Oben im Baum herrscht Betrieb. Ein paar Zedernseidenschwänze haben gerade ihre Sitzplätze eingenommen. Zwei gelbe Kronenwaldsänger wurden auch schon gesichtet. Für den „Birder“, der in einem ökologischen Gartenprojekt im kalifornischen Santa Cruz umherspaziert, ist es ein guter Morgen. Auch die beiden Männer, die mit Ferngläsern und Teleobjektiven in diesiger Luft an einem Flussufer im Ruhrgebiet stehen, sind froh. Sie haben gerade eine Premiere erlebt und eine Großmöwe aus Litauen gesichtet. Im Unterschied zu der Gartenidylle wirkt die Gegend fast etwas trostlos; der Blick fällt auf rauchende Schornsteine am anderen Ufer.
Die Begeisterung für Vögel verbindet
Ulrike Franke und Michael Loeken porträtieren in ihrem Dokumentarfilm „Watching People Watching Birds“ Menschen, die Vögel beobachten. Das heißt, die Zuschauer sehen dabei zu, wie Menschen auf Vögel schauen. Sie folgen ihnen mit bloßen Augen, wie die Birdwatcher durchs Fernglas oder Teleobjektiv sehen. Für manche ist Birdwatching ein Beruf, für andere ein passionierter Zeitvertreib. So etwa für das Ehepaar, das sich beim Vogelstimmen-Erkennen gegenseitig abfragt. Die Begeisterung für Vögel verbindet sie seit Jahrzehnten, Fotos ihrer Urlaubsreisen geben Zeugnis davon. Man versteht: Das Birdwatching verändert die Umweltwahrnehmung von Grund auf. Während die Bäckereiverkäuferin in den frühen Morgenstunden die Brötchen in den Ofen schiebt, hat sie mit ihren geschulten Ohren bereits einen Gartenbaumläufer ausgemacht. Ihr Mann beginnt zur selben Zeit gerade seine LKW-Tour, während der er unterwegs fleißig Vogellaute lernt.
Bei den meisten Protagonist:innen wurde das Interesse für Vögel bereits in der Kindheit geweckt. Nicht so bei dem im Film dominant zu Wort kommenden Jonathan Franzen. Erst ein Besuch im Central Park eröffnete dem US-amerikanischen Schriftsteller eine Welt, die ihm vierzig Jahre lang völlig verborgen war – eine fast „religiöse Erfahrung“, wie er erzählt.
Die feinen Unterschiede im Gesang
„Watching People Watching Birds“ ist auch ein Film über Menschen, die über Vögel sprechen. In die dokumentarische Beobachtung sind zahlreiche Interviews eingebunden. Es geht um die feinen Unterschiede im Gesang von Mönchsgrasmücke und Gartengrasmücke, um die Vielfalt der Kleiderwechsel unter Möwen, um das Gefühl von Demut beim Anblick der Vogelwelt, aber auch um die Erschütterungen angesichts des fortschreitenden Artensterbens. Zahlreiche Arten seien inzwischen verschwunden, berichtet ein älterer Mann, der durch ein zerfleddertes „Vogeltagebuch“ aus seinen Kindheitsjahren blättert. Auch umweltbedingte Krankheiten sind ein Thema. Eine junge Mitarbeiterin der Vogelstation Helgoland erfasst Daten zur aktuellen Population; unter besonderer Beobachtung steht dabei eine Kolonie brütender Basstölpel, die von der Vogelgrippe betroffen ist. Einmal rollt eine Liste von bereits ausgestorbenen oder gefährdeten Vogelarten über die Leinwand. Gezeigt wird nur ein Ausschnitt; die Liste ist lang.
In „We Are All Detroit“ (2021) haben sich Ulrike Franke und Michael Loeken mit dem Strukturwandel an ehemaligen Industriestandorten im Ruhrgebiet und den USA befasst. In „Watching People Watching Birds“ setzt sich dieser Blick auf Einschnitte in der Topografie punktuell fort: in Totalen auf Industriegebiete oder Agrarflächen mit Monokulturen. Oder beim Gang durch ein von Feuern verwüstetes Waldgebiet. Die ökologischen Auswirkungen von Wirtschaftspolitik oder andere Zusammenhänge bleiben jedoch im Hintergrund.
Exkurs zum Spatzen-Massaker in China
Etwas unvermittelt und verkürzt wirkt der knappe Exkurs zu einem ökologischen Massaker im kommunistischen China. Im Zuge des „Großen Sprungs nach vorn“ erklärte Mao Zedong 1958 den „vier Plagen“ den Krieg – darunter auch den Spatzen. Archivbilder dokumentieren die staatlich verordnete Spatzenjagd. Massen von Menschen scheuchten die Tiere mit schwingenden Fahnen und Getrommel auf, bis sie erschöpft oder tot vom Himmel fielen. 2 Milliarden Spatzen sollen dabei getötet worden sein – mit der Konsequenz einer verheerenden Heuschreckenplage, die wiederum ein humanitäres Desaster mit Millionen Hungertoten nach sich zog. Der Ornithologe mit den Vogel-Tattoos auf beiden Armen bekommt beim Sprechen über die Gewalt des Menschen an der Natur eine brüchige Stimme. Er würde sich bei den Vögeln gerne dafür entschuldigen.

